Auszug aus einem unveröffentlichten Manuskript.
Drei Fragen haben mich im Wesentlichen, dazu motiviert, diesen Text, schon vor Jahren,
zu beginnen:
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Die erste ist simpel:
Warum haben ausgerechnet wir, gemeint ist die Generation der Babyboomer, so lange geschwiegen?
Haben wir uns nicht in unserer Jugend schon glühend von Zwentendorf bis Hainburg für die Belange der Umwelt eingesetzt? Doch dann? In unserer Mittelschulzeit, in der wir noch reichlich mit naiver Naturschutzdenke, verpaart aber mit unerschütterlichem Glauben in technologischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum konfrontiert wurden, erweckte dieser scheinbar unlösliche Diskurs in meinem jugendlichen Gehirn den Wunsch nach einem, übrigens damals eben erst entstandenen, Ökologiestudium. Nun, nach väterlicher Zensur, wählte ich stattdessen den Beruf des Arztes und des Psychoanalytikers, was mich, freilich mit einer Latenz von fast einem Menschenleben, zu meiner zweiten Frage führte:
Kann man die Entstehung der Umweltkrise aus psychodynamischer Sicht erklären und kann diese Sichtweise einen Beitrag zur Lösung leisten?
Aus dieser Frage erst, hat sich eine dritte, letztlich wohl die komplexeste Frage ergeben:
Kann es sein, dass diese Umweltkrise, real und brisant, wie sie sich uns darstellt, auch und in konkreter Metaphorik, für eine tiefgreifende Seins Krise vieler Individuen, vielleicht sogar der menschlichen Gesellschaft in ihrer Gesamtheit steht?
Das, was heute nach meiner Meinung polemischer Weise als „Ökologische Katastrophe“ bezeichnet wird, begann sich damals in den Sechzigern gerade wirksam zu entfalten. Nylonsäcke und allerlei Plastikkram wurden als etwas Tolles, Kostbares empfunden, in Massen gesammelt, als könnte man nicht genug davon haben. Automobile hatten einen Schadstoff-Ausstoß, welchen wir uns heute höchstens noch vorstellen können, wenn wir Länder der Dritten Welt bereisen. Die ersten nuklearen Kraftwerke krepierten bereits rund um den Globus, nur dass eigentlich niemand wirklich Notiz davon nahm, weil die oberirdischen Atomversuche der Großmächte nukleare Unfälle, gleichnishaft wörtlich, überstrahlten.
Es war ein Drama, das sich in Wahrheit vor unser aller Augen abspielte, aber es war noch derart unterschwellig und auch damals schon so facettenreich, es hätte einer Wachheit und Bedachtheit bedurft, welche selbst heute noch nicht zu konstatieren ist.
Unsere Eltern- und Großelterngenerationen waren selbstredend traumatisiert von zwei Weltkriegen und der dazwischenliegenden Wirtschaftskrise der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Zeitliche Bestimmungsformeln wie: „Vor dem Krieg, im Krieg, in der Nachkriegszeit“ waren in meiner Kindheit täglicher Sprachgebrauch und bezeichneten weniger Zeiträume als vielmehr Gestimmtheiten, atmosphärische Voraussetzungen für „Dies und Jenes“. Meist ging es wohl darum, Unzulänglichkeit, Zwang und Gedankenlosigkeit zu rechtfertigen. Die Fünfziger und Sechziger des vorigen Jahrhunderts sind aus meiner Sicht noch als „Nachkriegszeit“ zu bewerten, da Denkweisen, welche aus den Traumata, Entbehrungen und politischen Verunsicherungen der zwei Weltkriege zu erklären sind, damals noch in den Köpfen praktisch aller Erwachsenen gegenwärtig waren, schlimmer noch, in hoher Dosis an die Kinder abgegeben wurden. Eines hätte ich an dieser Stelle nur allzu gerne vergessen, es gab damals wie heute praktisch durchgängig kleinere Stellvertreterkriege, schön über die gesamte Welt verteilt, jeweils einer schwelend, ein anderer gerade lodernd, vielleicht ein dritter in politischer Vorbereitung. Aus heutiger Sicht waren diese Stellvertreterkriege gewollt, um zum einen den „ganz Großen“, der aus damaliger Sicht fast unvermeidbar schien, tunlichst hinauszuschieben. Man sprach gerne vom „Dritten Weltkrieg“. Andererseits ging es auch darum, die überhitzte Rüstungsindustrie zu beschäftigen und dieser auch ausreichende Versuchsfelder zur Verfügung zu stellen. Es fällt mir schwer, den weltumspannenden Schatten zu verleugnen, welcher damals „Alles und Jeden“ belastete, ob alt oder jung. Gemeint ist der sogenannte „Kalte Krieg“, welcher in den Sechzigern auf seinem Höhe-, oder wenn Sie wollen Tiefst-Punkt angelangt war. Angesichts einer allgegenwärtigen Möglichkeit, besser eigentlich Wahrscheinlichkeit, der globalen nuklearen Zerstörung, entstand einerseits, vor allem im Bildungsbürgertum, eine fast hysterische Überaufmerksamkeit weltpolitischen Ereignissen gegenüber, anderseits herrschte, wie heute auch wahrscheinlich, größtenteils Ignoranz diesen Dingen gegenüber. Ich selbst kann mich noch erinnern, mit welcher angespannten Aufmerksamkeit meine Familie die Radioberichterstattung während der Cuba-Krise verfolgte. Viel später noch, wir hatten damals schon einen Fernseher, sah ich meinen Vater weinen angesichts der Bilder vom Ende des Prager-Frühlings.
Es herrschte eine merkwürdig histrionisch anmutende Befindlichkeit, die Atmosphäre war einmal ganz bedrückend, wenn zum Beispiel meine Tanten in Massen Zucker und Mehl kauften, falls die Russen kämen, dann schien wieder alles vergessen und es wurden rauschende Feste gefeiert. Die endzeitige Lebenslust der Dreißigerjahre steigerte sich in den Fünfzigern in einen eigenartigen hedonistischen Taumel, welcher wiederum auf letztlich puritanische Wiederaufbau- und Produktivitätsphilosophien traf. In diesem seltsamen gesellschaftlichen Mischklima gedieh vieles, aber sicher kein auf Mittel- und Langfristigkeit ausgerichtetes ökologisches Denken. Die Einen produzierten, als gäbe es kein Morgen und die Anderen konsumierten, als wäre es besser heute noch einmal richtig gelebt zu haben, denn morgen wäre ja ohnehin alles aus.
Diesen Taumel von Produktivität, sinnlosem Konsum und endzeitiger, im Eigentlichen Resignation, mit dem Aspekt der Ost-West-Spaltung überein zu bekommen, scheint einerseits logisch, anderseits aber gänzlich unpassend. Logisch wohl deshalb, weil wirtschaftlicher Wohlstand genau das war, was jene Anderen offenbar nicht zustande brachten, unpassend wohl deshalb, weil eine ideologische Spaltung dieser Ausprägung, mit bloßer wirtschaftlicher Prosperität einfach nicht überwindbar sein kann. Die Aufteilung der Welt in zwei Einflusssphären schien nämlich derart perfekt, dass es damals von „Denen da drüben“ nur ein Hörensagen gab. Genau genommen war man im Westen wahrscheinlich genauso auf Propaganda, von der man annahm, sie sei Information, angewiesen, wie „Die drüben“, von welchen behauptet wurde, sie seien nicht oder zumindest nicht richtig, informiert.
Nach meiner persönlichen retrospektiven Wahrnehmung war dieser Zustand der maximalen globalen Spaltung in wesentlich zwei Lager auch zugleich der Anbeginn eines globalisierten Denkens.