Auszug aus: Reflexionen über Gesundheit und (Erwerbs-) Arbeit.
Aus meiner langjährigen Arbeit mit meist älteren, arbeitslosen Patient:innen.
—
Eine junge Ärztin war von ihrer Arbeit auf einer onkologischen Station derart ausgebrannt, dass sie fast täglich mitten in der Nacht erwachte und begann nachzurechnen, ob sie die Chemotherapie-Dosis für ihre Patienten wohl richtig berechnet hätte. Als sie ihre Arbeitsbedingungen und die lapidaren Stellungnahmen ihrer Vorgesetzten dazu berichtete, bemerkte ein Kollege, dass man so eine Maloche wenigstens anständig bezahlen müsse. Die betroffene Kollegin begann daraufhin schluchzend zu weinen. Die folgende Aufarbeitung ergab, dass sie eigentlich nicht aus Verzweiflung, sondern aus Zorn geweint hätte, weil sie fassungslos über die Meinung des Kollegen sei, ein paar hundert Euro mehr hätten irgendeine Wirkung, ihr aus der emotionalen Klemme zu verhelfen, in der sie sich wähnte. Der Zorn und die emotionale Ausschüttung welche sich über den Kollegen in der Supervision ergossen hatte, waren, soviel sah sie ein, eigentlich für den Primar bestimmt gewesen. Diesem wiederum wollte sie realiter unter keinen Umständen wissen lassen, dass sie der zugemuteten Arbeitslast nicht mehr gewachsen war.
Offen über Grenzen sprechen:
Der Fall der Kollegin macht ganz klar, dass sie selbst nicht nur Opfer, sondern in einem gewissen Ausmaß auch Täterin war. Es war falscher Stolz und Autoritätsgläubigkeit im Spiel, die beide sie gehindert haben, ihre Lage zu kommunizieren, auch als völlig klar war, dass die Überlastung nicht aus ihrer Unfähigkeit entstand, sondern aus Mangel an Achtsamkeit ihrer Vorgesetzten. Weil sie eine extrem junge Mitarbeiterin war, war ihre Angst, dass ihr Wort bei den Oberen vielleicht zu wenig Gewicht gehabt hätte, um wirklich das System zu verändern, berechtigt. Sie hatte auch Angst, sich abzuwerten, glaubte zu sagen überlastet zu sein, hätte sie in den Augen der Anderen abgewertet. Ältere und sehr erfahrene Mitarbeiter verhalten sich in solchen Situationen leider regelhaft genauso, obwohl ihre Stimme vielleicht das Gewicht hätte, ein Umdenken zu bewirken. Es stimmt, die Belastbarkeit im fortgeschrittenen Alter ist individuell sehr unterschiedlich, aber es wäre einfach grundfalsch, sich selbst, so zu sagen, ewige Jugend zu verordnen, indem man sich selbst und alle anderen glauben macht, man sei mit sechzig Jahren gleich belastbar wie mit vierzig. Das wäre Unfug. Das Beste an der Nachricht kommt erst: in den allermeisten Fällen verlangt Solches auch kein Mensch von uns, außer vielleicht wir selbst. Ein Kollege meines Alters hat mir erst kürzlich erzählt, er habe schweren Herzens seinem Chef eröffnet, dass er keine Nachtdienste mehr machen wolle. Dieser habe ihm nur lapidar geantwortet, er habe sich ohnehin schon gewundert, wie lange er das noch durchhalten wolle. Sie haben natürlich auch recht, wenn Sie sich fragen, ob eine pro-aktive Anfrage des Chefs, welcher sich solches „ohnehin schon gedacht“ hätte, nicht besser gewesen wäre. Gefordert sind also beide Teile, Chefs und Mitarbeiter. Schwierig wird die Lage, wenn ältere Mitarbeiter, jüngere Chefs bekommen, welche dazu neigen, ihre jugendliche Leistungsbereitschaft auf die Mitarbeiter zu übertragen. Eine solche Konstellation bietet natürlich eine weite Fläche für gegenseitige Projektionen. Die Verteilung der Waffen in dieser projektiven Auseinandersetzung ist ungerecht. Ein Alter war allemal schon einmal jung und hat also die Möglichkeit die Verhaltensweisen und Haltungen eines jüngeren Menschen mit seinen eigenen, vormaligen, abzugleichen. Ein Junger war noch niemals alt, ist also in seiner Einschätzung auf Hörensagen angewiesen. Der Gedanke, wie ich selbst mit meinen alten Oberärzten, geschweige denn mit alten Krankenschwestern, umgegangen bin, treibt mir die Schamesröte ins Gesicht.
Ich hatte zum Beispiel eine damals etwa sechzigjährige Oberärztin, sie war chronisch krank und hätte, nach meinem damaligen Dafürhalten, ich war etwas über dreißig, längst nicht mehr arbeiten sollen. Ich hatte als nachgeordneter Facharzt ihre Stelle zu vertreten und hatte, während ihrer Abwesenheit, streng darauf zu achten, dass alles in ihrem Sinne ablief und um Gottes Willen nichts passierte. Sie hatte in ihrem ungesunden Ehrgeiz besonders schwierige und komplikationsträchtige Eingriffe an sich gezogen und ich musste, obwohl noch unerfahren, auch diese Dinge weiter betreiben, obwohl sie immer seltener physisch anwesend war. Sie schrieb mir seitenlange Kochanleitungen für alle möglichen und unmöglichen Situationen, war so zu sagen immer wie ein Gespenst anwesend, ohne da zu sein. Ich hielt es schier nicht mehr aus und mein einzig denkbarer Lösungsansatz erschien mir, ihre vorzeitige Pensionierung krankheitshalber zu sein, damit jemand anderer, sicher nicht ich, an ihre Stelle treten könnte. Ich verstand einfach nicht, was diese Frau bewegte, sich selbst und vor allem auch mich, derart zu quälen. Was ich damals nicht ins Kalkül gezogen hatte, war der Umstand, dass der berufliche Erfolg, so ziemlich das Einzige gewesen war, was in ihrem Leben funktioniert hatte, dass sie sich daran klammern wollte, wäre eigentlich verständlich gewesen. Dass sie mich natürlich für diese schier unmögliche Übung, im Beruf zu bleiben, ohne da zu sein, als Werkzeug missbrauchte, erzeugte in mir einen Groll, der zwar verständlich, aber völlig unproduktiv war. Ich harrte lange, wahrscheinlich viel zu lange aus, da ich natürlich in dieser Zeit wahnsinnig viel lernte, weil ich ständig Dinge machen musste, welche mich zwar bis an die äußersten Grenzen meiner Leistungsfähigkeit, aber anderseits viel Anerkennung brachten. Ich machte mich unentbehrlich und nagelte mich auf diese Weise in einer Situation fest, von der ich retrospektiv sagen muss, dass sie nicht auf Dauer aushaltbar war. Aus heutiger Sicht kann ich ziemlich sicher sagen, dass diese Entwicklung der eigentliche Grund dafür war, warum ich eines Tages das sichere Gefühl bekam, diese Klinik verlassen zu müssen. Letztlich war also ich gegangen und nicht meine Oberärztin, welche erst Jahre später in den vorzeitigen Ruhestand gelobt wurde. Dies ist mir ganz persönlich ein besonders lebendiges, weil halt selbst erlebtes Beispiel dafür, dass es wichtig wäre, rechtzeitig seine eigenen Grenzen zu erkennen und darüber zu reden, nicht im Gasthaus, sondern offen im Betrieb, so dass es alle hören können, vor allem der Chef. Ich habe jetzt sogar die Phantasie, dass auch die alte Oberärztin viel früher ihre Einschränkungen bekennen und sich aus freiem Willen in die zweite Reihe hätte stellen müssen, dann wäre möglicher Weise ihre Krankheit auch nicht so schnell fortgeschritten und sie hätte ihr zweifelsfrei wertvolles Fachwissen noch auf gesündere Weise an die Jüngeren hätte weitergeben können. Der Schritt zurück, von dem ich gesprochen habe, ist uns beiden, ihr und mir selbst, in diesem Falle offensichtlich nicht rechtzeitig gelungen.