Auszug aus "Klimawandel" - Überlegungen zur Depressivität.
—
Menschen sind offenbar auch heute noch als Gruppenwesen angelegt. All das neumoderne Geschwafel von Individualität imponiert beizeiten als eine recht ausgedachte Sache.
Wir scheinen einen archaischen Grundcodex in uns zu tragen, welcher besagt, unser Verhalten müsse grundsätzlich und vor allem einem möglichst kollektiven Nutzen unterworfen sein. Wann immer wir uns mit intellektuellen Kunststücken über diese basale Ethik hinweg zu setzen versuchen, geraten wir in einen mehr oder weniger bewussten Konflikt mit dieser uns eingeborenen ethischen Instanz. Auch die chronische Abwehr dieses intrapsychischen Konfliktes kann und wird uns erschöpft und damit depressiv machen.
Ist also unser Streben nach Individuation mit einer immanenten Depressivität erkauft? Oder haben wir vielleicht wieder einmal nur die Begriffe falsch besetzt? Meinen wir vielleicht Egoismus, wenn wir Individuation sagen? Meinen wir Einsamkeit, wenn wir von Vereinzelung sprechen? Diese scheinbar rhetorischen Fragen erhalten einige Brisanz, wenn wir sie in dem Diskurs um die Zusammenhänge von Überfluss, Mangel und Depression stellen.
Mit der Hypothese, es sei weniger der Mangel, als vielmehr der Überfluss, welcher sowohl Einzelindividuen als auch Gesellschaften, dem Depressiven ausliefere, haben wir eine scheinbar überschaubare Paradigmatik geschaffen. Diese Überschaubarkeit haben wir mit Obigem gründlich zerstört, indem wir versucht haben darzustellen, wie differenziert die Mechanismen im individuellen und kollektiven Subjekt sein können, welche zur Resignation und damit zu einer depressiven Entwicklung führen.
Zuvörderst ist an dieser Stelle natürlich die Frage zu stellen, ob es wirklich legitim sei, im individuellen und im kollektiven Bereich die gleichen oder zumindest ähnlichen Verarbeitungsmechanismen zu unterstellen. Aus der hier eingenommenen Perspektive ist diese Frage tendenziell mit einem Ja zu beantworten, weil aus dem bisher verfügbaren psychologischen Wissen eindeutig hervorzugeht, dass Gesellschaften sehr ähnlich neurotisch reagieren können, wie Einzelindividuen. Der grundlegende Unterschied, scheint in der Beschaffenheit des Konfliktes zu liegen. Ein Einzelindividuum hat, subjektiv betrachtet, entweder einen Konflikt, oder es hat keinen. In Bezug auf eine Gruppe, oder gleich eine ganze Gesellschaft ist diese Betrachtung sehr viel differenzierter anzustellen, sind es oft nur ganz wenige, stimmgewaltige Protagonisten, welche ihren eigenen, im Subjekt entstandenen, zum Beispiel ethischen Konflikt, auf das Kollektiv übertragen, ihn ausformulieren und somit so zu sagen, Werbung für ein kollektives Unbehagen machen. Daraus könnten wir einen weiteren paradigmatischen Satz machen, der da lauten würde, dass das Unbehagen, wenn Sie also wollen der Konflikt, immer im individuellen Subjekt entspringt und sich auf bewussten oder unbewussten Wegen auf das Kollektiv überträgt. Stimmen viele individuelle Subjekte in Beschaffenheit und Intensität ihrer Konflikt-Sphären überein, so wird dieser weitgehend mit Anderen übereinstimmende Konflikt leichter als ein kollektives Phänomen identifiziert, als in dem Falle, da Einzelne, aus der Vehemenz eines ganz subjektiven Unbehagens, ausgestattet mit der Begabung oder den Mitteln, welche dazu notwendig sind, ein Kollektiv, gleichsam mit ihrem Individualkonflikt infizieren. In diesem Falle könnten wir auch von der Neurotisierung einer Gesellschaft sprechen, weniger von einer kollektiven Neurose. Die Neurose kann allerdings, dies haben wir oben bereits angedeutet, darin bestehen, einen real bestehenden Konflikt nicht ins Bewusstsein treten zu lassen. Mit ganz einfachen gedanklichen Mitteln können wir also argumentieren, dass die Individuellen und kollektiven Mechanismen der Konflikt-Entstehung- und Verarbeitung schon deshalb nicht sehr unterschiedlich sein können, da ja, wie wir alle wissen, auch ein noch so großes Kollektiv, immer aus Einzelindividuen besteht, welche sich umgekehrt auch immer aus ihrer Teilhabe an einem größeren Ganzen definieren. Ich komme nicht umhin an dieser Stelle wieder einmal auf Freud und dessen Arbeit „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ [1] (1921) hinzuweisen: Schlaglicht-artig will ich hier nur die für mich eindrucksvollste Hypothese, dass nämlich Massenphänomene durch eine dramatische Abnahme kognitiver und einer ebensolchen Zunahme affektiver Funktionen gekennzeichnet seien, deponieren.
[1] In dem Essay stellt Freud dar, welche psychischen Mechanismen innerhalb von Massenbewegungen wirksam sind. Eine Masse ist nach Freud ein „provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben.“